Reisebericht aus Dharamsala
Reisebericht 2009 aus Dharamsala |
Meine Reise nach Dharamsala
Elisabeth Zimmermann
November 2009
Eine Fotoreportage finden Sie [hier].
Wieder einmal bin ich voll mit Eindrücken und emotionalen Erlebnissen von meiner jährlichen Reise nach Dharamsala zurückgekehrt. Diesmal war es das fünfzehnte Mal, seit ich 1994 zum ersten Mal dorthin gekommen bin. Nun bin ich dort wirklich schon zuhause bei Freunden.
Viel hat sich verändert in dieser Zeit, Dharamsala ist enorm gewachsen, besonders durch den stark ansteigenden Zustrom an indischen Touristen, die es sich vermehrt leisten können in den kühleren Vorbergen des Himalaya Urlaub machen. Auch bei den Tibetern hat sich einiges getan. Vieles konnte durch Ihre Spenden verwirklicht oder in Angriff genommen werden. Dennoch bleibt der Traum von der Rückkehr in die Heimat noch immer ein Traum, auch heuer, nach bereits 50 Jahren Exil …
Wir alle, die nach Dharamsala kommen, können Tibet bereisen, wann immer wir dies möchten - den Tibetern bleibt es verwehrt, nur in seltenen Fällen möglich, dabei immer gefährlich. Es bleibt ihnen nun schon in zweiter Generation nur der Flüchtlingsstatus in Indien. Man kann nur hoffen, dass der Druck Chinas auf Indien sich für die Tibeter nicht nachteilig auswirken wird, wie auch die momentan wieder akut aufgeflammten Spannungen zwischen China und Indien wegen eines Besuches des Dalai Lama in Arunachal Pradesh (NO-Indien) zeigen (siehe auch „India Today“ vom 9. 11. 2009). Es gibt noch immer mehrere Grenzverläufe in Nordindien (im Norwesten in Ladakh und im Nordosten in Arunachal Pradesh), die von China nicht anerkannt werden. Der im November geplante Besuch des Dalai Lama in diesem Gebiet wird daher von den Chinesen heftig angegriffen und derzeit in Indien stark diskutiert.
Am Beginn unseres Aufenthaltes in Dharamsala gab es tägliche Teachings des Dalai Lamas, besonders für Pilger aus Taiwan und Singapur. Wir haben einmal an einem Nachmittag daran teilgenommen, allerdings bekamen wir keinen Platz mehr im oder außerhalb des Namgyal Tempels, sondern nur mehr auf dem gesteckt vollen Platz davor. Auch diese Atmosphäre auszukosten war ein Erlebnis. Eine Bemerkung des Dalai Lama blieb uns besonders im Gedächtnis: Sie kennen wahrscheinlich alle das berühmte tibetische Mantra „Om mani padme hum“, das besonders von den älteren Tibetern beinahe unablässig zitiert wird, sobald sie Muße dazu haben oder eine Kora gehen (Umgang im Uhrzeigersinn um einen Tempel oder einen heiligen Ort). Jede Gebetsmühle enthält tausende Wiederholungen dieses Gebetes, die bei jeder Umdrehung „gebetet“ werden. Die gemurmelten Wiederholungen erfolgen oft so schnell, dass nur mehr das Wort „mani…mani….mani“ deutlicher zu hören ist. In seiner unnachahmlich humorvollen Art und dennoch mit sehr ernstem Hintergrund hat der Dalai Lama nun gemeint, dass heutzutage oft nur mehr „money…money…money“ (lautmalerisch gleich) übrig bleibt …
Leider konnte der Dalai Lama wegen seiner vielen Verpflichtungen nicht am heurigen 49. Anniversary (Gründungsfest der Kinderdörfer) teilnehmen. An seiner Stelle war als Ehrengast der 24-jährige Karmapa (dritthöchste Wiedergeburt im tibetischen Glauben) geladen, der eine vielbeachtete und außergewöhnliche Rede an die anwesenden tibetischen Jugendlichen hielt.
Wie immer haben mich besonders die kalistenischen Vorführungen beeindruckt, bei welchen etwa 800 Jugendliche mit ihren Körpern exakte Abbildungen von Figuren oder Worten bilden. Diesmal zeigten sie die Konturen einer Stupa und die Sätze: „THANK YOU INDIA“ und zum Schluss einen aktuellen Bezug auf die Umweltsituation (Umwelttag): „CUT CO2 350 (ppm – parts per million) SAVE WORLD“. Auch für die eben aus Ladakh zurückgekehrte Patengruppe war dieses Fest einer der zahlreichen Höhepunkte ihrer Reise nach Nordindien.
Wir hatten dann doch noch die Gelegenheit den Dalai Lama im Kinderdorf zu sehen, wenn auch nur aus einiger Entfernung. In der großen, etwa 2000 Personen fassenden „Hermann-Gmeiner-Halle“ (mit der Aufschrift: „Come to Learn – Go to Serve“!) traf der Dalai Lama anlässlich einer Peace Jam Veranstaltung mit drei Friedensnobelpreisträgerinnen zusammen: mit der nordirischen Friedensnobelpreisträgerin von 1976, Mairead Corrigan-Maguire, der amerikanischen von 1997, Jodie Williams, und der iranischen von 2003, Shirin Ebadi. Es war ein besonderes Erlebnis, vier Friedensnobelpreisträger auf einer Bühne gemeinsam versammelt zu sehen und deren Ansprachen zu hören!
Unser Geschenk an den Dalai Lama übergab ich später seinem Privatsekretär, da eine persönliche Begegnung mit dem Dalai Lama aus Zeitgründen nicht möglich war. Die Japanreise stand ebenfalls unmittelbar bevor. Ich hatte für ihn unseren Kalender, ein selbstentworfenes Büchlein einer unserer Patinnen in deutscher und englischer Sprache und das Comic-Buch „Rangzen“ (siehe unsere Werbung) vorbereitet. Dieses Comic-Buch hatte ich von einem unserer Mitarbeiter in die englische Sprache übersetzen lassen und die ersten Druckexemplare lagen nun vor. Ich habe dieses Buch ebenfalls Frau Jetsun Pema (der jüngeren Schwester des Dalai Lama und langjährige „Mutter“ aller Kinderdörfer), ihrem Nachfolger, Herrn Tsewang Yeshi und der Schuldirektorin im Upper TCV vorgestellt, alle waren schlichtweg begeistert und möchten es in allen Kinderdörfern haben. Es wurde der Vorschlag gemacht, es in Indien drucken zu lassen. Auch Sie können dieses Buch „Rangzen“ von Nina Pelka über uns (in deutscher Sprache) beziehen!
Noch ein Höhepunkt war der nun schon traditionelle Besuch der Gruppe im Altenheim Jampaling, wo wir nach einem herzlichen Empfang zu einem Mittagessen eingeladen waren. Hier steht demnächst ein akutes Projekt an: die Matratzen der alten Leute wären dringend auszutauschen. Hiezu und zu hygienischen Bodenbelägen holt man derzeit Kostenvoranschläge ein.
Ich persönlich erlebte einen besonders berührenden Moment im Norbulingka Institut (genannt nach dem Sommerpalast des Dalai Lama in Lhasa). Im dortigen Tempel verrichtet nun wieder ein älterer Mann mit Freude seinen Dienst. Er ist der erste Patient, der durch den von SAVE TIBET und Tibet Charity gegründeten Medizinischen Notfallfonds geheilt werden konnte. Das Einsetzen eines Herzschrittmachers hat nicht nur sein Leben gerettet, sondern diesem auch wieder Sinn gegeben.
Ich habe angeregt, dass bezüglich dieses Notfallfonds eine Zusammenarbeit mit Tibet Chartiy, dem Reception Centre (Flüchtlingsauffanglager) für Folteropfer und dem tibetischen Innenministerium der Exilregierung erfolgt, was die Auswahl an dringenden Fällen betrifft. Jeder Ansuchende muss ein Formular ausfüllen (Muster bei uns im Büro einzusehen), damit man die Bedürftigkeit und Dringlichkeit bestmöglich beurteilen kann. Dieser Medizinische Notfallfond bleibt ein laufender Bestandteil unserer Homepage www.tibet.at und wir hoffen, dass immer wieder Spenden dafür einlangen werden. Bitte unter Zahlungsgrund immer „Medizinischer Notfallfonds“ angeben.
Das in der Nähe des Norbulingka Institutes gelegene Behindertenheim Nyingtobling wurde an diesem Tag ebenfalls besucht, und wir konnten uns von dem ausgezeichneten Zustand der Kinder und Einrichtungen überzeugen. Wir haben wieder die schönen, handgemalten und künstlerisch wertvollen Billetts mitgenommen um sie am Weihnachtsmarkt zu verkaufen und damit, neben einer Spende, auch dieses Heim zu unterstützen.
Unter den von mir besuchten Institutionen sticht vor allem das Gu Chu Sum heraus (siehe auch unseren neuen Spendenaufruf). Schon im Stiegenhaus erschüttern Zeichnungen über Vernehmungs- und Foltermethoden in Tibet, die an Hand von Berichten tibetischer Gefangener angefertigt wurden. Ich war nicht in der Lage, auch noch das Museum zu besuchen … Die erwähnten Zeichnungen habe ich fotografiert, ich lasse sie nicht auf unsere Homepage stellen, aber sie können bei uns im Büro eingesehen werden. Die Organisation Gu Chu Sum bemüht sich Tibetern und Gefangenen in Tibet direkt zu helfen. Hier verweise ich auf unsere heurige Weihnachtsaktion – wir wollen durch verschiedene geheim gehaltene Kanäle Hilfe nach Tibet bringen.
Auch die Radiostation VOT (Voice of Tibet), die SAVE TIBET schon seit Jahren unterstützt, habe ich besucht und mich umgesehen. Ich halte diese Einrichtung für besonders wichtig, da sie trotz aller chinesischen Störungsversuche beinahe rund um die Uhr Kurzwellennachrichten nach Tibet ausstrahlt. Es gib jeden Wochentag einen Programmschwerpunkt, der eine halbe Stunde in tibetischer Sprache und dann zweimal eine Viertelstunde lang in chinesischer Sprache ausgestrahlt wird. Auch wenn sie immer wieder die Sende-Frequenzen ändern müssen, so ist es doch eine wichtige Stimme, die nach Tibet dringt und den Tibetern unzensurierte Nachrichten zukommen lässt - und auch das Gefühl nicht vergessen zu sein.
In meine Zeit in Dharamsala fiel auch die schreckliche Nachricht der Hinrichtung von zwei Tibetern (siehe auch unsere Nachrichten). Bei meinem Besuch im TCHRD (Tibetan Centre of Human Rights and Democracy) habe ich mit dem Direktor über diese vollstreckten Todesurteile gesprochen, die aus verlässlichen Quellen bestätigt sind. Zwei weitere Todesurteile sind noch nicht bestätigt. Es beeindruckt mich immer wieder, wie man sich um möglichst genaue Überprüfungen von Nachrichten bemüht.
Im Ortsteil McLeod Ganj, gegenüber dem Eingang zum Namgyal Tempel (Haupttempel des Dalai Lama) fand ein 24-stündiger Hungerstreik mit Gebeten für die Hingerichteten statt. Ebenso erinnerte eine Lichterprozession der Tibeter am Abend durch diesen Ortsteil an diese vollstreckten Todesurteile, die den traurigen Weltrekord der chinesischen Regierung an Hinrichtungen noch weiter vermehren.
Wir bemühen uns derzeit, den Mönch Palden Gyatso, der 33 Jahre lang in chinesischen Gefängnissen verbringen musste, anlässlich des Welt-Menschenrechtstages nach Österreich zu bringen. Anlässlich dieses Gedenktages wird im Schikaneder-Kino (bereits bekannt durch die letzte Filmwoche zum heurigen 50. Jahrestag der Volkserhebung in Tibet und der Flucht des Dalai Lama vom 10. bis 17. März 2009) wieder eine Filmwoche mit interessanten Filmbeiträgen und Personen stattfinden (siehe Veranstaltungshinweise). Ich habe diesen Mönch in seiner kleinen, blitzsauberen Wohnung besucht, um ihn einzuladen. Sein Buch über seine Leidensgeschichte und die Folterungen kann man über unser Büro erwerben.
2 Tage habe ich mir Zeit genommen, um die Kinderdörfer in Bir/Suja, Chauntra und Gopalpur zu besuchen, sowie auch das im Vorjahr bezogene neue Altenheim in Chauntra. Jeder der Insassen hat mir zur Begrüßung einen weissen Katak (tibetischer Glücksschal, ein wunderschöner Brauch) um den Hals gelegt, sodaß ich am Ende wie eine Buddha-Statue dekoriert war. Es ist ein sehr hübsches kleines modernes Gebäude, aber dem traditionellen Stil nachempfunden, mit Mehrbettzimmern, die teilweise durch einen vieleckigen Grundriß den Bewohnern eine gewisse Privatatmosphäre ermöglichen.
In Bir/Suja haben wir natürlich auch das im Vorjahr festlich eröffnete „Home Amstetten“ besucht. Künstlerisch bemalte Blumentöpfe (aus Metalldosen) und ein hübscher kleiner Garten davor zeugen von der liebevollen Betreuung dieses Hauses, in dem derzeit 50 Mädchen beheimatet sind.
Es war für mich und meinen Mann auch eine besondere Ehre und Freude, vom Direktor dieses Kinderdorfes, Herrn Ngodup Wangdu, zum gemeinsamen Abendgebet in die Gebetshalle eingeladen zu werden. Mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler (ausschließlich tibetische Flüchtlinge und Neuankömmlinge) rezitierten tibetische Gebete. Am Ende hat uns der Direktor vorgestellt und seine Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht. Alleine hier in Bir/Suja betreuen wir derzeit 235 Patenschaften (aus einer Gesamtzahl von 1055 bei meiner Abreise).
Ich hätte gerne eine kurze Antwortansprache gehalten und ich glaube, die Jugendlichen hätten es sich vielleicht auch erwartet, aber ich war zu bewegt, schon alleine durch den Gedanken, was jeder Einzelne dieser großen Schar anwesender Kinder und Jugendlicher alles durchgemacht hat, sei es unter dem Druck der chinesischen Regierung in ihrer Heimat, sei es durch die gefährliche Flucht über die hohen Himalayapässe. Ich habe später eine Grußbotschaft per E-Mail geschickt.
Eines der Flüchtlingsmädchen muss dieser Tage wieder nach Tibet zurück: die chinesische Regierung hat irgendwie erfahren, dass sie „unter dem Schutz des Dalai Lama“ im tibetischen Kinderdorf unterrichtet wird und setzt nun ihre Eltern unter Druck. Sein großer Wunsch Krankenschwester zu werden, wird wohl unerfüllt bleiben müssen.
Die Fotos aller Patenkinder wurden diesmal von allen zuständigen KinderdorfsekretärInnen digital zur Verfügung gestellt, und alle Paten, die uns eine E-Mail-Adresse bekannt gegeben haben, erhalten diese Fotos sobald als möglich. Alle anderen müssen erst zusammengestellt, auf eine CD gebrannt, ausgedruckt und versandt werden.
Eine lustige Begebenheit möchte ich noch anführen: auf einem unserer Fußwege vom Kinderdorf, in dessen Gästehaus (House of Peace and Dialogue) wir wohnten, hinunter nach McLeod Ganj sahen wir plötzlich auf einer Wiese neben der Straße einen als Wohnmobil umgebauten Kastenwagen geparkt, mit einem Salzburger Kennzeichen! Zweieinhalb Monate dauerte es von Salzburg über Türkei, Iran, Pakistan hierher in den entlegenen Winkel zu kommen!
Alle Begebenheiten und Begegnungen zu beschreiben, die unsere Tage ausgefüllt haben, würde zu weit führen. Da müsste schon ein eigenes Sonderheft her.
Zwischen allen diesen Besuchen und Gesprächen habe ich bei tibetischen Geschäften und im TCV Handicraft Centre die Einkäufe für den Weihnachtsmarkt erledigt. Ich hoffe, dass sich viele von Ihnen am Samstag, 12. und Sonntag, 13. Dezember bei uns einfinden werden, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen und gleichzeitig wieder tibetische Projekte damit unterstützen!